2016 – Ein Rückblick

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Category: Allgemein

2016.

Noch 7 Tage 2016. Von vielen Seiten höre oder lese ich, dass man sich wünscht 2016 sei endlich vorbei. Ich kann das so nicht unterschreiben. 2016 war, trotz allem, für mich persönlich ein vernünftiges Jahr. Ich denke gerne zurück an unzählige Abende mit Freunden, neu und alt, in vielen Ländern. An unzählige Gespräche beim einen oder anderen kalten Bier oder warmen Tee. Ich denke gerne zurück an tolle Shows mit meiner Band, an die wundervolle Tour mit Ben Caplan und an Jamie Kronick, der in mir den Funken entzündet hat, wieder zu fotografieren. Ich denke gerne zurück an die Autofahrten mit Patrick Craig und unsere mathematischen Probleme auf der Bühne (two and two makes… three?). Ich denke gerne zurück an die Tage und Nächte im Studio, als so viele wundervoll talentierte Menschen daran gearbeitet haben, meinem Album Leben einzuhauchen und an die vielen netten Worte die ich lesen und hören durfte ob meiner neuen Songs. Ich denke gerne zurück an die Herzlichkeit und Freundlichkeit die mir und Tim Vantol überall in Europa entgegen gebracht worden ist. Ich habe vieles für das ich dankbar sein kann. Ich bin dankbar für die Chance Menschen an meiner Seite zu wissen, die mich unterstützen, die mit mir an einem Strang ziehen und die mich auffangen, wenn meine Arme schwach werden. Ihr wisst wer ihr seid! Auf der Bühne kann ich glücklich sein, selbst wenn mich abseits der Bühne meine Dämonen heimsuchen. Ich bin dankbar, dass dies 2016 nicht in dem Maße der Fall war, wie in den Jahren zuvor.

So ist der Blick nach 2017 denkbar einfach: Nach 168 Shows in diesem Jahr werde ich mein bestes Tun, sie viele Shows wie möglich zu spielen für diejenigen, die es interessiert und die meinen Worten lauschen. Ich habe bereits begonnen an neuen Songs zu schreiben und auch die ersten Kapitel einer Novelle warten sehnsüchtig darauf fortgesetzt zu werden.

Dennoch endet 2016 allerdings auch mit einem fahlen Beigeschmack. 2016, du hast mir einige meiner Helden geraubt. In manchen Fällen, so weh es tat, kann ich dir verzeihen, denn ich weiß, jeder muss einmal gehen. Glaubt man den Aussagen seines Sohnes, waren Bud Spencers letzte Worte “Danke” und sowohl Merle Haggard als auch Leonard Cohen, Sir George Martin und  gingen ohne übermäßigen Schmerz, beinahe würdevoll, am Ende eines langen und erfüllten Lebens stehend. In manchen Fällen hingegen, 2016, würde ich dir gerne fest zwischen die Beine treten. David Bowie? Alan Rickman? Leon Russell? Prince? Glenn Frey? Dein Ernst, 2016? Die Welt ist ohne die oben genannten ohne Zweifel ein Stückchen ärmer an Weisheit, Kultur, Kreativität und Humor.

Roger Willemsen, auch ein 2016 zu früh gegangener, blickt in seinem neuen Buch “Wer wir waren” aus der vollendeten Zukunft auf unsere Gegenwart zurück und verfasst folgenden Satz der mir stark zu denken gibt: “Wir lebten als der Mensch der sich in der Tür umdreht, noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat.” Zunächst habe ich den Satz etwas verlacht. Die Zeitungen sind voll, die sozialen Netzwerke sind voll, natürlich haben wir etwas zu sagen. Doch… Was haben wir zu sagen?

Erdrückt unter einer Fülle von Informationen und “Neuigkeiten” fällt es mir schwerer und schwerer Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und mich für das Wichtige, sofern ich es denn finde und herausfiltern kann, zu interessieren. Erdrückt von Facebook Newsfeeds, von Twitter und der ständigen Teilnahme am Leben anderer fällt es mir schwerer und schwerer mir Meinungen zu bilden zu Themen die mich wirklich angehen sollten und ich erkenne, dass wir viel zu sagen haben, aber mehr und mehr verlernen zu kommunizieren. Dabei wäre Kommunikation dieser Tage wichtiger als je zuvor.

Denn 2016, das war vor allem ein politisches Jahr. Das Jahr von Finanzkrise, Waffenlieferungen, Kriegen, Drohnenangriffen, Millionen die Flüchten oder zu Grunde gehen, von Schlepperbanden und Ertrinkenden im Mittelmeer und besorgten Bürgern zu Hause. Doch statt mit Offenheit, Hilfsbereitschaft und Empörung über Korruption, Krieg und Zerstörung, natürliche Reaktionen auf reale Besorgtheit, reagieren wir, die westliche und von christlichen Werten geprägte Welt, mit aufkeimendem Nationalismus, mit Rassismus und Hass, oft verdeckt unter dem Mantel der Angst. Unsere Antworten lauten AfD, Zerfall der EU, Fremdenhass und Donald Trump. Wirklich jetzt? In mir wohnt die Furcht das zukünftige Generationen auf uns zurückschauen werden voller Kopfschütteln. In mir wohnt die Furcht, dass Schüler im Jahr 2100 ein Geschichtsbuch aufschlagen und sagen: Wie konnte das eigentlich passieren, das 2016 Trump gewählt wurde und 2017 Deutschland nichts dazu gelernt und die AfD stark gewählt hat? Das war doch absehbar und klar erkennbar wohin das führt. Viele halten sich mit Parolen über Wasser und versuchen ihr Gewissen oder ihre Sorgen zu beruhigen. “Das wird schon, am Ende ist die AfD ja nicht wirklich rechts”. Oder: “Man muss jetzt Trump eben auch eine Chance geben.” Oder: “Am Ende wird er vom System eingezwängt wie alle anderen Präsidenten auch.” Sätze die mich im schlimmsten Fall an Franz von Papen erinnern, der voller Optimismus glaubte, die NSDAP könne durch eine Regierungsbeteiligung gezähmt werden und der einst über Hitler sagte: “Wir haben ihn uns engagiert. In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrängt bis er quietscht.” Ein Hitler-Vergleich? Wie unpassend…. wirklich? Das Muster von Überschätzung der eigenen und Unterschätzung der politisch anderen Seite scheint sich radikal zu wiederholen. Kürzlich trafen in Wisconsin Bernie Sanders und einige Trump Wähler in einer Diskussionsrunde aufeinander. Mit einigen der radikaleren Aussagen Trumps konfrontiert sagten seine Wähler einhellig, dass er eben laut rede, am Ende das aber nicht ernst meine und ohnehin würde der Rechtsstaat eine Durchsetzung von Gesetzen zum Beispiel gegen die LGBT Community ja verhindern. Euer Wort in Gottes Ohr, ey.

Es scheint eine Maschine in Gang gekommen zu sein, die im besten Fall noch Sand im Getriebe hat und dennoch immer schneller zu arbeiten scheint. Wie im amerikanischem Wahlkampf scheinen auch hierzulande Fakten immer weniger Menschen zu interessieren. Die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg haben den geringsten Ausländeranteil aller Bundesländer (unter 4%) und dennoch scheint gerade dort Hass aufzukeimen. Die AfD, nicht um Information bemüht, sondern um das Herausplärren herrischer und völkischer Parolen, gewinnt an Boden und holt in Sachsen-Anhalt 24%. Die CSU nutzt die Anschläge von Berlin um ihre eigene politische Agenda zu pushen. Um die Bundestagswahl nächstes Jahr ist mir Angst und Bange. Parallel ernennt Donald Trump ernennt eine Regierung aus Konzernchefs und Leugnern des Klimawandels.

Roger Willemsen schreibt: “Dass wir nicht mehr können, erliegen, dass wir unrettbar sind, in der Kapitulation leben, das sagten wir nicht, wir fühlten es bloß.”
Entspricht dies der Wahrheit? Verstecken wir uns bloß hinter Durchhalteparolen wohlwissend, dass alles verloren ist oder können wir noch etwas tun?

Wir können vor allem unsere Prioritäten zurechtrücken. Ich habe für mich erkannt das meine Prioritäten falsch liegen. Es ist an der Zeit Zeitungen zu lesen statt Facebook Newsfeeds. Es ist an der Zeit Nachrichten zu schauen statt The Voice. Es ist an der Zeit zu lernen das nicht hinter jeder Aussage zwingend eine Wahrheit steckt, nur weil sie im Internet verbreitet wird. Es ist an der Zeit wieder kontrovers zu diskutieren und zwar mit Anstand und Argumenten und nicht mit Beleidigungen. Es ist an der Zeit zu begreifen, dass zuhören manchmal wertvoller ist als reden und das die Kernidee von Diskurs ist, zu versuchen die Haltung des anderen zu verstehen und dadurch einen intellektuellen Mehrwert für seinen eigenen Intellekt zu gewinnen und NICHT, den anderen durch Lautstärke und Beleidigungen von seiner Meinung zu überzeugen. Wir können nur dann Brücken bauen, wenn wir uns alle auf offene Diskussionen einlassen, insbesondere mit Menschen die andere Auffassungen vertreten als wir selbst. Freiheit, traurigerweise musste man mich daran erinnern, bedeutet eben nicht nur Freiheit im Sinne meiner eigenen Denkweisen, sondern auch die Freiheit anders zu denken und Anstand, Freunde, Anstand bedeutet, Menschen zu respektieren und in ihren Sorgen Ernst zu nehmen. Es ist an der Zeit Meinungen klassisch zu bilden, nach vorheriger Auseinandersetzung mit verschiedenen Standpunkten eines Zusammenhangs, und nicht Meinungen aus Internetmemes zu akquirieren. Es ist an der Zeit, Kommunikation, zwischenmenschliche Kommunikation, neu zu lernen und Stille wieder zu schätzen zu lernen. Ich war gestern mehrere Stunden alleine im Wald. Es ist erstaunlich wie reinigend Stille sein kann und wie angenehm es sich nachdenken lässt, abgeschieden von der  Hektik des Lebens und des Alltags.

Liebe Freunde, liebe Leser, ich bin kein Freund von Vorsätzen und dennoch, lasst uns versuchen 2017 Stück für Stück den Boden zurückzugewinnen, den wir unter den Füßen verloren zu haben scheinen. Lasst uns menschlich sein und politisch. Lasst uns laut sein, auf das unsere Stimmen gehört werden. Eine Mehrheit ist keine Mehrheit wenn sie schweigt. Bedenkt das Weihnachten das Fest der Liebe ist, nicht das Fest des Konsums. Lasst uns Reisen und Erfahrungen sammeln, nicht Payback-Punkte. Lasst uns positiv denken und versuchen täglich die beste Version von uns selbst zu sein, die wir sein können.

Der Schauspieler Denzel Washington erzählte neulich in einer Talkshow von einer Bibliothekarin die ihm seine ersten Bücher ausgeliehen und ihn zum Lesen motiviert hat. Ohne sie, sagte er, wäre er nie zur Schauspielerei gekommen. Ohne sie könnten seine Kinder nicht so aufwachsen wie sie es nun können. Bedenkt also, Freunde, dass das kleinste Wort, die kleinste Geste, manchmal nur ein Lächeln oder eine helfende Hand einen Unterschied machen können, dessen Ausmaße wir nicht abschätzen können. Und da Weihnachten nun eben ein christliches Fest ist, verzeiht mir ein Bibelzitat. Bei Matthäus ist vom Weltgericht zu lesen, von der Wiederkunft Gottes auf Erden. Er legt Gott folgende Worte in den Mund: ”Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.”

So vergeht also 2016, wie geschrieben, mit gemischten Gefühlen. Eines ist jedoch sicher: Ihr habt mir Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, die Chance gegeben, meinen Traum zu leben. Ich arbeite hart um sowohl euch als auch mich nicht zu enttäuschen und ich werde euch das nie vergessen.

Habt Frohe Weihnachten im Kreis eurer Lieben. Genießt die freien Tage und kommt gesund ins neue Jahr. Von meiner Seite aus nur die besten Wünsche. Bleibt gesund und werdet glücklich!

Bis nächstes Jahr, somewhere down the road!

John

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