Urban Legends

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Es gibt sie in lustig, in spannend, in ekelerregend und in mutig. Urbane Mythen, gerne auch urban legends genannt, sind so alt wie die Welt selbst. Jeder hat einige davon gehört. Es gibt den Schüler, der bei der Abituraufgabe Deutsch die Fragestellung “Was ist Mut?” kurz und knapp mit “Das ist Mut!” beantwortet und sein Arbeitsheft abgegeben haben soll. Es gibt die Legende der vergifteten oder mit Rasierklingen bestückten Süßigkeiten die Kindern an Halloween das Leben gekostet haben soll. Zu meiner Schulzeit hielt sich beharrlich die Legende, der in meiner Heimatstadt angesiedelte und leicht heruntergekommene Fastfood-Laden “Crown Burger” brate seine Hackfleisch-Patties und röstete seine Pommes in Autoöl. Der Reiz von Urban Legends liegt eben nicht in der Wahrheit der Geschichte selbst, sondern in der Tatsache, dass sie der Wahrheit entsprechen könnten. Eine meiner liebsten Geschichten stammt daher auf der Musikszene. Während eines Konzertes soll Bono, Frontmann von U2 und politischer Aktivist, das Publikum um Stille gebeten haben. Hinein in diese Stille begann er in gleichmäßigen Abständen mit den Fingern zu schnipsen (in einigen Varianten klatscht er auch in die Hände) und sagte mit ernster Stimme: “Jedes Mal wenn ich mit meinen Fingern schnipse stirbt ein Kind in Afrika.” Aus der ersten Reihe soll daraufhin eine Stimme ertönt sein die sagte: “Dann hör halt auf zu Klatschen, du Idiot!”

Ist diese Geschichte wahr? Man weiß es nicht, ich vermute eher nicht. Was zählt ist aber, dass sie wahr sein könnte. Die Pointe wird dadurch begründet, dass Bono regelmäßig, nicht nur in seinen Texten, sondern eben auch in seiner Bühnenperformance die Grenzen zwischen Entertainment und politischem Wachrütteln verschwimmen lässt. Dabei mag er nicht der einzige sein. Auch Größen wir McCartney, Springsteen, Morissey, Joan Baez, Die Ärzte oder Die Toten Hosen sprechen offen ihre politischen und gesellschaftlichen Meinungen an.

Oft habe ich mich in Gesprächen mit Freunden darüber ausgelassen. Bob Dylan hat einmal gesagt, dass Lieder nicht die Welt verändern könnten. In einem Gespräch erzählte mir der Kabarettist Max Uthoff einmal, dass er den Gedanken, mit seinem Kabarett die Welt zu verändern aufgegeben habe, da es nicht einmal Hildebrandt und Pispers geschafft hätten und da man in der Regel ohnehin vor politisch gleichgesinnten predigt. Da, im Gegensatz zum politischen Kabarett, die Musik nicht von Politisierung lebt habe ich es immer abgelehnt und sogar aktiv bei Mitmusikern kritisiert, sich auf der Bühne zu klar zu positionieren.

Einmal sagte ein Zuschauer einer meiner Konzerte zu mir, ich habe wohl Angst, anzuecken und zu riskieren potentielle Fans vor den Kopf zu stoßen. Ich verneinte das und erklärte, ich wolle einfach nur einen klaren Strich ziehen zwischen Politik und Entertainment und wolle eher dazu beitragen, das Menschen für einen Abend ihre Sorgen vergäßen, als dass ich sie noch zusätzlich mit der Nase auf etwas stoße. Außerdem war eines meiner Hauptargumente, dass ich weder anderen Menschen vorschreiben wolle was sie zu glauben, denken oder wählen hätten, noch hielt ich die vorhandene Zeit zwischen zwei Songs für ausreichend um sich einem komplexen Theme mit der nötigen Tiefe und Differenziertheit zu nähern. Kurz: Ich wollte schlichtweg nicht nur stumpfe Plattitüden von mir geben.

Was hat sich verändert? Nun, in erster Linie haben sich die Zeiten geändert. Ein durch Finanzkrise und zunehmende Ungleichverteilung von Reichtum ausgelöster Rechtsruck schiebt die Notwendigkeit sich politisch zu engagieren mehr und mehr zurück in den Mittelpunkt.

Ich war während des Brexit in England auf Tour. In meiner Umgebung wurde alleine die Aussicht, es könne einen Brexit geben belächelt. Es wird nicht passieren, am Ende wird die Vernunft siegen. Es wird viel heiße Luft gemacht, aber kaum jemand nahm den drohenden EU-Ausstieg ernst. Als ich Freitags morgens aufwachte und auf meinem Handy angezeigt wurde, dass das Referendum zu Gunsten der Leave Kampagne entschieden worden war machte sich nicht nur in mir, sondern auch bei all denen mit denen ich zu tun hatte ein Gefühl breit, als sei man hinterrücks niedergestochen worden. Viele, so sollte sich später herausstellen, waren aus der Sicherheit heraus, dass man sowieso in der EU verbleiben würde, gar nicht erst zur Wahl gegangen. Aus der schweigenden Mehrheit war eine passive Mehrheit geworden, die von der aktiven Minderheit schlichtweg überrollt worden war.

Ich werde während der Amtseinführung von Donald Trump in den USA sein und ich erinnere mich noch an all die Zoten die gemacht wurden, als Trump seine Kandidatur ankündigte. Erst machten sich die Republikaner über ihn lustig, bis er schließlich die Vorwahlen gewann. Danach wurde er von der ganzen Welt abgeschrieben, Sätze wie “am Ende wird er mit Pauken und Trompeten untergehen” hörte man von allen Seiten und wollte sie glauben, auch weil einem die Alternative Angst machte.

Auch hierzulande wurde die AfD so lange belächelt, bis sie Begann in Landtage einzuziehen. Die aktuelle Folge der Anstalt beschwor (satirisch) ein Szenario herauf in dem die AfD die kommenden Bundestagswahlen gewinnt. Wem das absurd erscheint, wer das für weit hergeholt hält, der sollte jetzt beginnen nicht nur die Sorgen und Nöte derer Ernst zu nehmen, die sich gerade durch geschickte Propaganda vor den politischen Karren der AfD spannen lassen. Wem das absurd erscheint, wer das für weit hergeholt hält, der sollte jetzt beginnen zu Hinterfragen wie es denn dazu kommen konnte, dass eine Partei mit einem Wahlprogramm wie dem der AfD solche Erfolge überhaupt feiern konnte. Kurz, wem die Aussicht auf eine erfolgreiche Wahl der AfD Sorge bereitet, der sollte spätestens jetzt beginnen und versuchen, seinen Teil dazu beizutragen, einen Erfolg der AfD zu verhindern und aufhören, passiv aus der Ferne die Nase zu rümpfen und sich still zu sorgen.

Nach der Show im Blue Shell in Köln hatte ich ein langes Gespräch mit einem Zuschauer. Ich möchte ihn an dieser Stelle einfach T. nennen. Aus einem eher oberflächlichen “ich mag deine Songs und die Show hat mir gefallen” wurde schnell ein tiefgründiges Gespräch über Politik und den Einfluss der Populärkultur auf den politischen Wandel. Wir sprachen über Bruce Springsteen, der aktiv Wahlkampf für Hillary Clinton gemacht hatte und vor der US-Wahl (fälschlicherweise) vorausgesagt hatte, Trump werde kläglich scheitern. Wir fragten uns, wie er wohl heute über die Ereignisse vom 09.11.2016 denkt. Ich warf ein, dass das Wahlergebnis doch nur zeige, wie sehr die Musikindustrie ihren Einfluss auf das politische Geschehen überschätzt habe. T. stimmte mir zu, erklärte aber, dass schwindender Einfluss allein ja kein Grund sei, gar nicht erst laut zu werden. Während dieser Worte kam mir ein Song von Konstantin Wecker in den Kopf. Die Weiße Rose handelt von der Hinrichtung von den Geschwistern Scholl. “Ihr habt geschrien wo alle schwiegen, obwohl ein Schrei nichts ändern kann. Ihr habt gewartet, ihr seid geblieben. Es ging ums Tun und nicht ums Siegen.” 

Ich fragte T. ob er der Meinung sei, ich solle mich als Musiker klar positionieren. Ich schilderte ihm meine Sorge zu oberflächlich zu wirken und den Eindruck zu erwecken, als würde ich nur billig Applaus einsacken wollen. Ich erklärte, es sei ja eigentlich nur “preaching to the converted”, zu den ohnehin schon Bekehrten predigen, und damit irgendwie unnötig. Er widersprach. “Wenn du den Eindruck hast, dass du etwas sagen solltest, sag etwas. Alleine die Tatsache dass du darüber nachdenkst etwas zu sagen, zeigt doch, dass du das Bedürfnis hast, dich klar zu positionieren.” T. hatte recht. “Es geht nicht darum, John spontan etwas rauszuhauen. Mach dir vorher Gedanken was du sagen willst, überlege worauf genau du hinauswillst und dann sag es. Von einer schweigenden Mehrheit hat niemand etwas. Und mit ein wenig Vorbereitung kannst du auch die krassen Plattitüden umsegeln.”

Am Abend darauf, kurz vor Ende der Show in Oberhausen fasste ich mir ein Herz und sprach kurz über Brexit, Trump und die AfD. Heute, ein paar Tage später bekam ich eine eMail einer Besucherin, die mir schrieb sie würde zwar nicht in allen Bereichen meiner Ausführungen mit mir übereinstimmen, aber dennoch wolle sie meinen Mut loben, den Mund aufzumachen und mich dazu aufmuntern, dies auch weiterhin zu tun. Nichts anderes habe ich vor.

“Crown Burger” schloss übrigens nach kurzer Zeit wieder – aus hygienischen Gründen vom Gesundheitsamt geschlossen war in der Zeitung zu lesen. Vielleicht steckte hinter diesem Mythos doch ein Körnchen Wahrheit.

Und vielleicht ist es dennoch übertrieben zu glauben, dass Musik, das Worte und Kunst die Welt verändern können (insbesondere dann, wenn Musiker, Schriftsteller oder Maler so unbekannt sind wie ich in diesem Falle), aber vielleicht ist das ja auch gar nicht notwenig und das “verändern der Welt” ein viel zu abstraktes weil viel zu unrealistisch gestecktes Ziel. Und ja, vielleicht ist das offene Äußern seiner politischen oder gesellschaftlichen Meinung nichts als “preaching to the converted”. All das mag sein. Aber nur ein Einziger der aufsteht und seine Meinung sagt und vielleicht einen einzigen anderen davon überzeugt oder ihm einen Denkanstoß liefert, kann genug sein und genau als DER Auslöser fungieren, der alles verändert.

Danke T.

Am Ende bleibt eine Frage offen: Warum jetzt? Bis zur Bundestagswahl ist es noch knapp 10 Monate, der Wahlkampf hat noch nicht richtig begonnen. Warum jetzt, so lange vor Beginn der viel zitierten “heißen Phase”?

Ganz einfach, weil ich eingesehen habe, dass es nie ein “zu früh” gibt um sich einzumischen, aber ganz sicher ein “zu spät”. Um auf Konstantin Wecker zurück zu kommen:

“Ob als Schüler oder Lehrer, Hausfrau oder Straßenkehrer, ob du 6 bist oder 100, sei nicht nur erschrickt, verwundert, tobe, motze, misch dich ein!”